Die eigene Mappe unter der Lupe
January 2nd, 2006 Edit
Im Folgenden werde ich meine soeben fertiggestellte Schnellmodus-Mappe kritisch beäugen, Fehler suchen und Positives herausheben – die Mappe ist fertig, aber noch lange nicht vollendet.
Ein paar Worte vorab:
Schnellmodus, das war der Titel einer Projektserie an der Bauhaus-Universität Weimar unter der Leitung von Alexander Branczyk. Es ging ursprünglich darum, innerhalb eines Semesters in kurzer Zeit (alle ein oder zwei Wochen) Ideen, Konzepte und Lösungen für diverse Gestaltungsaufgaben zu präsentieren. Am Ende eines Semesters musste jeder Student eine Mappe vorlegen, in der die eigenen Arbeiten präsentiert werden. Diese Mappe soll bei einem Bewerbungsgespräch die erlernten Fähigkeiten unter Beweis stellen.
Nachdem die Mappe nun beim Prof liegt, habe ich Zeit, Bücher zu lesen, z.B. Typolemik von Hans Peter Willberg. Der Autor bezieht in seinem Buch öffentlich Stellung gegenüber den Werken seiner Kollegen; besonders gefällt mir der Teil, in dem er anhand diverser Bücher den falschen oder irreführenden Gebrauch von Typografie aufdeckt. Eine Aufforderung an uns Gestalter, ein Aufruf zu einer Typografie, die den Inhalt (den Text) stützt, interpretiert, verdichtet, zweckgebunden ist. Ein vergleichbarer Fall ist das Vortragen eines Textes: Der Vorleser fügt dem Text ja schließlich auch eine eigene Note hinzu, durch seine Stimme, seine Betonung, Mimik und Gestik. So wie ein Typograf eine Schrift auswählt, den Satzspiegel festlegt, sich typografisch mit einem Text auseinandersetzt.
Im Gegensatz zu Willberg vertreten andere Typografen die Meinung, dass Schrift lediglich gut zu lesen, nicht aber inszenieren sollte. Die Typografie tritt zurück.
Ich frage mich also, ob ein Dritter (der Typograf) sich zwischen Leser und Text schieben darf oder sogar sollte. Oder vielmehr, wenn ich es tue, tue ich es auf eine Weise, die dem Leser einen Mehrwert bringt?
Kurzum, im Schnellmodus-Projekt habe ich verstanden, dass Typografie immer mehr als nur den reinen Textinhalt vermittelt, ob man es nun will oder nicht (ich will). Schon die Schriftwahl ist eine subjektive Entscheidung des Schriftgestalters, und selbst die nichtssagendste Schrift sagt etwas aus – nämlich nichts, was ja auch etwas ist. Typografie emotionalisiert, führt den Leser an ein Thema heran, wirkt in eine bestimmte Richtung.
Oft in die falsche. In den letzten Monaten habe ich täglich den lieblosen, fahrlässigen, irreführenden Umgang mit Schrift beobachten müssen, nicht nur in der eigenen Arbeit. Grund genug, die eigene Mappe zu beleuchten. Los geht’s:

Cover
Das Cover vermittelt: Es geht um Reisen, Fliegen. Ist ein quadratisches Format die richtige Wahl? Beim nächsten Versuch würde ich ein anderes Format wählen, z.B. ein sehr breites Querformat, dass dynamischer wirkt und an Horizont erinnert. Außerdem: Warum ist das Wort “Schnellmodus” in einer dünnen Schrift gesetzt, und warum liegt dieses Wort über “International”? Welchen Zweck erfüllt die nun entstandene räumliche Wirkung?

Seiten 2-3
Die Städtenamen sollen einen räumlichen Effekt durch verschiedene Größen erzeugen und verdeutlichen: Von Weimar aus besuchten wir die anderen drei Städte. Doch warum ist “Weimar” in Unicode gesetzt (Unicode bedeutet: Gleiche Höhe von Groß- und Kleinbuchstaben)? Eine klassizistische Schrift zu benutzen, in diesem Fall die Filosofia, ist sicherlich vertretbar, wenn auch nicht besonders originell. Und warum ist “Paris” in einer klassizistischen Schrift gesetzt? Zwar handelt es sich um die französische Schrift Didot, aber hatte die klassische Epoche eine besondere Bedeutung für Paris? Vor allem: Denke ich persönlich an Klassik, wenn ich an Paris denke? Es geht ja schließlich um meine Empfindung, nicht um allgemeine Vorstellungen.

Seiten 3-4
Bei diesen Texten handelt es sich um Emails, die ich im Schnellmodus-Semester erhalten oder versendet habe und die mit dem Projekt zu tun hatten. Niemand wird sie sich durchlesen, zumindest fordern die sehr langen Zeilen nicht gerade zum Lesen auf. Das macht nichts, denn die Emails dienen mir zur Erinnerung, sind nicht für die Augen anderer bestimmt, und so war mir die Optik wichtiger als gute Lesbarkeit. Die Frage lautet vielmehr: Was haben dann diese Emails in einer Bewerbungsmappe zu suchen?

Seiten 6-7
Die roten Querstreifen erinnern an Verkehr, und tauchen auf jedem Flughafen auf. Soweit, so gut. Die Textblöcke beschreiben chronologisch von links nach rechts unsere “Reise” von Weimar nach Berlin nach Paris nach New York nach Weimar. Von rechts nach links werden die Textblöcke immer heller, sie verblassen, so wie meine Erinnerung an die Vergangenheit. Allerdings so sehr, dass die beiden Textblöcke links im Druck schon gar nicht mehr zu lesen waren. Vielleicht hätte ich mit verschiedenen Schriftgrößen arbeiten sollen, anstatt mit verschiedenen Fetten, um diesen Effekt zu erreichen. So könnte man zumindest teilweise das Problem der Lesbarkeit in den Griff bekommen.
Eine andere Frage ist die der Schriftwahl: Nächstes Mal würde ich zwei Schriften mischen, eine Grotesk für die Überschriften, und eine zeilenbildende Serifenschrift für die längeren Texte. Die gewählte Schrift, die Apex, sieht hier in 8 Punkt gut aus, in einer 11- oder 12-Punkt-Größe allerdings nicht. Das liegt nicht an der Schrift, sondern daran, wie ich sie verwende.

Seiten 8-9
Ich stelle Produkte vor, die im Laden gekauft werden können. Die roten Flächen wirken wie Produktdisplays, wie sie manchmal im Supermarkt zu sehen sind, haben also einen inhaltlichen Bezug. Trotzdem sieht die Doppelseite, vor allem auf dem Papier, noch nicht interessant genug aus.

Seiten 10-11
Mir gefällt, dass die Typografie inhaltlich begründbar ist. Links springen Buchstaben und Buchstaben ersetzende Zahlen auf und ab. Inhaltlich geht es um Preisunterschiede von qualitativ gleichwertigen Produkten, wie wir sie jeden Tag im Supermarkt sehen – und nicht nachvollziehen können. Rechts handelt es sich um “Beggar‘s Meal”, ein soziales Angebot für hungerleidende Mitmenschen. So wie wir noch den angeschnittenen Titel lesen können, können auch arme Menschen noch angebrochene, angeknabberte Lebensmittel verwenden.

Seiten 32-33
Für das Spielemuseum Chemnitz entwarfen wir Cover und Innenseiten des Ausstellungskataloges. In meiner Mappe sind Cover und Innenseiten so angeordnet, dass das Cover ein Spielbrett und die Innenseiten Karten sein könnten. Eine spielerische Anordnung. Mit Fliegen hat das allerdings nichts mehr zu tun. Ist es nun wichtiger, jedes einzelne Projekt gut darzustellen, oder das Thema der Mappe, Fliegen und Reisen, konsequent durchzuziehen? Muss ich ein einmal angefanges Thema auf jeder Seite durchziehen? Ensteht ein Bruch, wenn ich es nicht tue? Hätte ich hier das Thema der Mappe und das einzelne Teil-Projekt verbinden können? Die gleiche Frage stellt sich auf den folgenden Seiten, auf denen Fotos unserer Reisen und Exkursionen zu sehen sind:


Seiten 42-43
Es geht nicht um das Gestalten von Seiten, sondern von DOPPELseiten. Diese letzte Doppelseite macht auf mich noch immer keinen gelungenen, harmonischen Eindruck.
Wenigstens ergeben Text und Bild inhaltlich eine Einheit. Links, beim Flugzeug, sind diverse Links zu den Projektteilnehmern erfasst. Der Professor ist der Reiseleiter, die Studenten die Reiseteilnehmer, die Sprecher sind die Flugbegleitung. Rechts fasse ich zusammen, was ich in den beiden Schnellmodus-Projekten gelernt habe: Was bleibt übrig? und verbinde dies mit der Zeichnung eines Essens, wie man es im Flugzeug bekommt.
Entry Filed under: Deutschland
1 Kommentar Add your own
1. kaim | January 3rd, 2006 at 10:03 pm
ist es dir genau so langweilig wie mir?
Edit Commentimmerhin habe ich den bericht über deine mappe gelesen.
wie auch immer ich sollte arbeiten doch es ist nicht möglich. mhm …
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