Liebe auf den zweiten Blick

January 8th, 2006 Edit


Nun, da ich das dritte Mal im europäischen Ausland lebe, werde ich nicht mehr viel neues lernen. Die Spanier sind wahrscheinlich nicht anders als z.B. die Südfranzosen.

So dachte ich vor meinem Aufenthalt in Barcelona. Ich habe mich geirrt. Die Spanier haben mich voll erwischt, einen Pfeil mitten ins Herz.

Wenn ich gleich meine frisch entflammte Liebe zum spanischen Völkchen erkläre, so werden das vielleicht einige verstehen, aber nicht alle nachempfinden können (leider, fürchte ich, fehlt mir die Begabung, meine Gefühle sinnvoll, nämlich sinnlich, anschaulich, durch das geschriebene Wort zu vermitteln). Noch eine Warnung vorab: Diese Liebeserklärung wird wahrscheinlich so schwulstig wie die spanische Popmusik klingt.

Zufälligerweise bin ich gerade in Madrid. In Spanien wird nicht dem Weihnachtsmann gehuldigt (dem rot-weißen, von Coca-Cola zum Leben erweckten), sondern den Heiligen Drei Königen. Heute also finden hier die Kinder Barbiepuppen, Playstations und andere Geschenke in ihren Schuhen, falls sie denn hineinpassen.

So kam ich gestern, am 6. Januar, Dreikönig, unverhofft in den großen Weihnachtsumzug, an dem laut Zeitung 700.000 Menschen teilnahmen, vor allem Familien aus Madrid. Ich fotografierte die vielen Kinder, die ihrem jeweiligen Lieblingskönig auf einem der Umzugswagen zujubelten und fleißig Karamellbonbons einsammelten, und wollte gerne wieder selber Kind sein. Und mir wurde einmal mehr bewusst: Den Schatz, den ich in Spanien suchte, ich haben ihn gefunden:

Die Spanier sind menschlicher.

Mein holländischer Kollege Tom erklärte neulich, die Menschen hier erschienen ihm irgendwie unschuldig. Hier streichen sie dir freundlich übers Haar, statt mit dem Ellenbogen zu stoßen. Egal wieviel du verdienst und welchen Job du hast. Zu dieser Menschlichkeit gehört auch, dass die Spanier Weihnachten nicht im stillen Kämmerlein, sondern alle zusammen auf der Straße feiern.

Ich könnte jetzt einschränken: Aber manchmal wirkt diese Offenheit oberflächlich; natürlich gibt es auch von der Gesellschaft ignorierte, abgewiesene Menschen, etc.

Aber ich bleibe bei dieser beglückenden Feststellung, denn nun habe ich endlich den Vergleich, nun kann ich auf meinen Wunschzettel an Melchior, Kaspar und Baltasar schreiben: Macht, dass die Menschen zu Hause ein bißchen warmherziger, fröhlicher und lebenslustiger sind, wenn ich zurückkomme. Weniger verbissen, weniger korrekt, weniger steif im Umgang. Auch ich verspreche, mich zu bessern: Wenn ich das nächste Mal jemandem auf den Fuß trete, werde ich nicht ein leises ‘tschuldigung murmeln, sondern mich umdrehen, mich dem Anderen zuwenden, laut sagen, dass es mir leid tut, hoffe, die Schuhe sind kein Erbstück, und ihm dabei grinsend in die Schulter zwicken – auf die Gefahr hin, dass er ängstlich zusammenzuckt, sich auf den Arm genommen fühlt, sich aber im Nachhinein über die menschliche Annäherung freut.

Ihr habt mir die Augen, mein Herz geöffnet, liebe Spanier! Schmatz, schmatz. Tausend Küsse. Ich liebe Euch!

Entry Filed under: Spanien

1 Kommentar Add your own

  • 1. deine Liebe » Anspr&hellip  |  April 13th, 2008 at 8:04 pm

    […] liebe Jesus bringt kein Frieden, in der Art, daß mit seiner Ankunft das > Paradies zurückkomme, vielmehr werden die Menschen ob ihres Gewissens > und ihres Glaubens verfolgt werden. Wenn das keine Werbung für das Christentum ist > > […]

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