In der Totenstadt

January 11th, 2006 Edit

Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein mussten die Bewohner Barcelonas den Verwesungsgeruch ihrer Ahnen einatmen. Denn damals lagen die Friedhöfe inmitten der Stadt, umgeben von Häusern, und die Toten wurden einer über dem anderen begraben, so dass die obersten Leichen praktisch an der Erdoberfläche lagen.

Man beschloss also, die Friedhöfe auszulagern. Im Jahr 1883 wurde der Friedhof auf dem 173 Meter großen Hügel Montjuïc eröffnet. Der Montjuïc liegt angrenzend an Barcelonas Altstadt direkt am Meer. Auf eben diesen Hügel begab ich mich gestern, um mir diese Totenstadt noch einmal genauer anzuschauen.

Ich schaue mich um, niemand ist zu sehen, und so störe ich hoffentlich niemand mit meinem Fotoaparat. Mein Blick schweift umher zwischen den Straßen, die zwischen den Gräbern hindurchführen (der Friedhof ist befahrbar, und ein Bus bringt die Besucher hinauf auf den Hügel), und den einzelnen Grabnischen, von denen es hier insgesamt 150.000 geben soll. Mein Interesse gilt vor allem der Gestaltung der Grabnischen – schließlich, so vermute ich, ist es etwas anderes, eine Grabnische in einer Wand oder ein Grab im Boden, wie wir es in Deutschland kennen, zu gestalten.



Viele der Grabnischen stehen leer. Andere sind mit Blumen geschmückt, auch mit Deckchen und kleinen Schälchen mit Inschriften. Einige Gräber verraten auch, wer hinter der 75×65 cm großen Grabplatte liegt, denn die Angehörigen haben Fotos des Verstorbenen aufgestellt. Zur Straße hin schützt meist noch eine Glasscheibe den Grabschmuck.

Die Inschriften der Grabsteine, die gleichzeitig als Grabdeckel, als Verschluss dienen, sind meistens in Antiqua-Schriften gesetzt, immer Großbuchstaben. Entweder handelt es sich um Metallbuchstaben oder um direkt in den Stein gemeißelte Lettern. Selten finde ich Groteskschriften, noch seltener Handschriften (in einem Fall ist die Nische komplett von Blumen verdeckt, und der Name des Verstorbenen ist durch andersfarbige Blumen „geschrieben“).



Auf den Straßen steht alle 50 Meter eine Leiter, damit die Hinterbliebenen der sich in den oberen Nischen befindlichen Toten hinaufklettern und das Grab pflegen können. Die oberen Nischen sind schwieriger zu unterhalten und deswegen kostengünstiger zu erwerben. Ich sehe eine Frau eine Leiter hinaufsteigen, Blumen in der Hand, und überlege sie zu fotografieren. Doch dann höre ich sie schluchzen, und gehe weiter.

Ist ein Familienmitglied gestorben, wird es normalerweise mit dem Sarg in die leere Grabnische gelegt. Zwei Jahre lang darf nun das Grab nicht geöffnet werden, damit der Leichnam austrocknen und langsam zerfallen kann. Frühestens nach zwei Jahren wird der Sarg entsorgt. Falls dann ein neues Familienmitglied in dieser Nische begraben werden soll, so schiebt man die zerfallenen Überreste des zuvor Verstorbenen in die Grabnische zurück.



Die letzten Fotos mache ich vom Inneren eines Containers, in dem alte Sargdeckel liegen; ein seltsames Gefühl, diese letzten 6 Wände eines Verstorbenen aus nächster Nähe zu sehen. Riechen tue ich nichts, außer den Urin der zahlreichen Katzen, die hier ihr Zuhause haben. Ich vermute, sie werden absichtlich gehalten, um Ratten und Mäuse zu fangen.

Vor den Toren des Friedhofs schaue ich in einen Abfalleimer, und finde Zeugnisse der noch lebenden Besucher des Montjuïcs, dessen Gelände auch von der hiesigen Drogen- und Schwulenszene genutzt wird.

Entry Filed under: Spanien, Barcelona

3 Kommentare Add your own

  • 1. lydia  |  January 22nd, 2006 at 9:00 pm

    wenn du auf mich gehört hättest….! wärste mal zum totensonntag hingegangen, da wäre dir die ganze szenerie wahrscheinlich noch 10mal grotesker vorgekommen…
    leute, die sich um die leitern streiten um riesige blumengestecke in die sechste totenetage zu buchsieren und auf atemberaubende weise zu befestigen. kinder in sonntagskleidung, die versuchen steinchen an die ganz oben gelegenen grabnieschen zu werfen. omas die auf kleinen klappstühlchen trauernd vor diesen riesigen totenhochhäusern sitzen und man gar nicht weiss, ob sie noch wissen, wo ihre angehörigen liegen.(es gibt einen eigenen stadtplan für den friedhof in valencia damit man genau weiss wer, wo und wann).
    die lydia

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  • 2. jessy  |  October 13th, 2007 at 2:11 am

    hallo. ich war vor 2 jahren mal auf dem friedhof.habe auch sehr tolle bilde rgemacht vorallem von den alten gräbern unten . den engeln usw.die wände fand ich beängstigend so riesig. aber auch davon habeich viele bilder gemacht. wa sich nicht ganz verstehe wieso wird das grab geöffnet??wenn sie den dann doch wieder reinschieben??(die überreste)mhaa schon komisch..aber kannst mir dasmal erklären wie du das meintest?

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  • 3. Sandmann  |  January 14th, 2008 at 5:10 pm

    Nachdem ich schon so oft in der Stadt war und schon so viel gesehen habe, bin ich diesmal auch zum Friedhof am Montjuic gereist. Ich habe mich auch gefragt, wie eine so große Stadt mit nur so wenigen Grabnieschen auskommt. Ich dacht mir schon, dass die Knochen nach einer Weile in der Niesche zusammengeschoben werden oder irgendwo in einem Beinhaus gesammelt werden. Vielen Dank für die Bestätigung. Ich habe mich auch gewundert, dass ich auf dem Friedhof bei bestem Wetter nicht eine Menschenseele gesehen habe (außer ein paar Arbeiter)

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